Archive for the 'théâtre' Category

Die Nibelungen

Sunday, January 8th, 2006

Heute gab ich mir das Vergnügen, mir die Nibelungen in den Kammerspielen anzuschauen, eine Aufführung, die 5 1/2 Stunden dauert.

In Form einer Tragödientrilogie erzählt das Stück, in einer dramatischen Bearbeitung, die Geschichte des Nibelungen-Epos. Siegfried, Königssohn aus Xanthen, kommt an den Hof der Burgunder und verliebt sich in Kriemhild, die Schwester des Königs Gunther. Dieser ist mit einer Vermählung einverstanden, wenn Siegfried ihm hilft, Brunhild zu werben, die nur den Mann heiraten wird, der sie im Kampf besiegt. Durch die Tarnkappe unsichtbar gemacht, verhilft Siegfried Gunther zum Triumph.

Als Brunhild diesen Betrug entdeckt, lässt sie Siegfried durch Hagen ermorden. Kriemhild, jetzt Witwe, fordert Gerechtigkeit, wird aber am Wormser Hof nicht erhört. Erst nachdem sie mt dem Hunnenkönig Etzel vermählt wurde, offenbart sich ihr die Gelegenheit, Rache zu nehmen. Die Burgunder werden zu Etzels Hof eingeladen, wo sich die Ereignisse überschlagen, und nach einem finalen Gemetzel überleben nur Etzel, Dietrich und Hildebrand.

Diese Inszenierung war auf jeden Fall sehr gelungen. Wenn man hört, wie lange das Stück dauern soll, entwickelt man erst sehr viel Respekt davor und fragt sich, ob man es so lange aushalten kann. Hilfreich dafür ist, dass insgesamt zwei Pausen à 30 Minuten eingeplant sind. Das Stück wirkt am Anfang betont, zum Teil sogar krampfhaft modern, garniert mit vereinzelten Slapstick-Einlagen, die das ganze ins Lächerliche ziehen. Mit zunehmender Spieldauer, jedoch, gewinnt die Inszenierung immer mehr an Ernst - und an Qualität. Allerdings ist es auch verständlich, dass man nicht die ganze Inszenierung nur mit dramaturgisch wertvollen ausfüllen kann, da die Kost sonst zu schwer wäre. So waren es wirklich kurze 5 1/2 Stunden, die sich kürzer anfühlten, als manch andere 2-Stunden-Stücke.

Die Nibelungen

Die Bakchen: Residenztheater vs. Kammerspiele

Saturday, December 31st, 2005

Ab und zu kommt es in München vor, dass sich die großen Theater bei der Auswahl ihres Repertoires nicht absprechen, und diese dadurch das eine oder andere Stück auf zwei Bühnen gleichzeitig inszenieren. Zur Zeit ist es Die Bakchen von Euripides, das sowohl in den Kammerspielen, als auch im Residenztheater aufgeführt wird.

Dionysos, Gott des Weines und des Rausches, kehrt in seine Geburtsstadt Theben zurück, um sich an deren Bewohnern zu rächen, die seine Göttlichkeit nicht anerkennen. Er lässt alle Frauen der Stadt in einen Wahn verfallen und führt sie heraus auf den Berg Kithairon, wo sie nach Zeugenaussagen ekstatische Feste feiern. Pentheus, der junge Herrscher der Stadt, beschließt, mit Waffengewalt gegen Dionysos und die Frauen vorzugehen, lässt sich aber von dem Gott überreden, selbst als Frau verkleidet die angeblichen Orgien zu beobachten. Dabei wird er von den Frauen entdeckt und in Stücke gerissen.

Die beiden Inszenierungen sind recht unterschiedlich gehalten. Mir hat die Vorstellung im Residenztheater besser gefallen, die insgesamt eine eher klassische Interpretation ist, garniert mit Nuancen des modernen Theaters. Dabei gelang es dem Regisseur, sowohl den Stil der antiken Tragödie zu erhalten, als auch die Inszenierung nicht veraltet wirken zu lassen. Hierbei sollte man Jens Harzer als Pentheus hervorheben, der noch nie in einer Rolle so brilliert hat wie hier. Die Kammerspiele hingegen wagen eine komplett moderne Inszenierung. So erinnert hier zum Beispiel das Bühnenbild an eine Wohnung der Pop-Art Generation. Daneben wurde der Chor der Bakchen auf zwei Frauen reduziert und auch auf eindeutig obszöne Handlungen auf der Bühne wird wieder mal nicht verzichtet. Die Frage bleibt, ob solche Stilmittel, so infatorisch angewandt überhaupt noch wirken können.

Mein Tip: man sollte trotzdem in beide Vorstellungen reingehen, weil es ziemlich interessant ist, wie ein Stück auf zwei grundlegend verschiedenen Art und Weisen inszeniert werden kann. Allerdings sollte man sich vorher ein wenig über das Stück schlau machen, da es sonst recht schwer zu verstehen ist. Als Euripides das Stück geschrieben hat, hat er ebenfalls den mythologischen Hintergrund für bekannt vorausgesetzt.

Die Bakchen
Die Bakchen im Residenztheater (links: Jens Harzer als Pentheus) und in den Kammerspielen (rechts: André Jung, ebenfalls als Pentheus)

Der eingebildete Kranke

Saturday, November 19th, 2005

Am vergangenen Montag hat für mich die Theatersaison wieder begonnen, und zwar mit dem eingebildeten Kranken von Molière: Herr Argant, ein reicher Mann in nicht mehr ganz jungen Alter, bildet sich ein, dass er schwer krank ist. Demensprechend versucht er seine Tochter gegen ihren Willen mit einem angehenden Arzt zu verheiraten, der, so nach Herr Argants Vorstellung, ihn als Schwiegersohn wohl bald kostenlos behandeln würde. Angetrieben wird er dabei von seiner jungen Frau Béline, die es mehr auf Argants Erbe als auf seine Gesundheit abgesehen hat.

Wer Molières Stücke und die Inszenierungen im Residenztheater kennt, könnte auf die Idee kommen, dass beide nicht recht zusammenpassen, zumindest war das mein Gedanke. Denn bei den Stücken Molères handelt es sich in der Regel um leichte Komödien, die den Zuschauer in erster Linie nur unterhalten sollen. Das Residenztheater, hingegen, achtet bei seinen Inszenierungen eher auf den künstlerischen Wert, dadurch gelten diese eher als schwerere Kost. Von daher war ich vor der Vorstellung recht skeptisch. Doch die Inszenierung zeigte mir das krasse Gegenteil dessen auf, was ich befürchtet hatte: Die Leichtigkeit Molières wurde jederzeit erhalten, ohne dass die Inszenierung in die Slapstick-Szene abdriftete. Der Hauptdarsteller war einfach nur grandios und das Bühnenbild war weder zu klassisch noch zu modern gestaltet. Der eingebildete Kranke ist in jedem Fall eins der empfelenswertesten Stücke, die zur Zeit im Residenztheater laufen.

Der eingebildete Kranke
Foto: Thomas Dashuber

Eines langen Tages Reise in die Nacht

Wednesday, July 20th, 2005

Residenztheater München. Dieser Beitrag kommt verspätet, und im Grunde wäre jedes Wort, das über das Stück geschrieben wird, ein Wort zuviel. Nicht, weil es die Inszenierung nicht verdient hätte, das man darüber schreibt, ganz im Gegenteil, sondern, weil man Gefahr läuft, zuviel zu verraten und dem Leser somit den Genuss der Vorstellung zu schmälern.

“Eines langen Tages Reise in die Nacht” wurde um 1940 von Eugene O’Neill ins selbsttherapeutscher Absicht als Portrait seiner eigenen Familie geschrieben. Im Verlauf eines Tages konfrontieren sich die vier Familienangehörigen mit ihrer Vergangenheit, durchleuchten mit Rückblenden, Vorwürfen, Selbstkritik, gegenteiliger Anteilnahme und Zuneigung die Schicksale jeder einzelnen Person und präsentieren sich dadurch als Opfer ihres Selbstbetrugs.

Was vom Thema her wie ein schwerer Theaterabend klingt, entpuppt sich als eine fantastische Inszenierung. Wahrscheinlich sogar die beste, in der ich in dieser Spielzeit war. Die Szenerie beginnt vage. Das Bühnenbild entspricht dem eines Wohnzimmers. Man weiß nicht, was einen erwartet. Während die Handlung nach und nach voranschreitet, verfängt man sich jedoch immer mehr in seinen Bann, erwartet gespannt die nächste Information, das nächste Detail, das die Figuren in ihren Dialogen preisgeben. Jede Einzelheit erscheint wichtig, jedes gesprochene Wort fügt dem Puzzle der Geschichte ein weiteres Stück hinzu. Man ist so vertieft, dass einem das Zeitgefühl völlig abhanden kommt, so dass man letztendlich völlig unerwartet mit dem Vorhang konfrontiert wird. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine fantastische Inszenierung und die Erkenntnis, noch nie so kurze dreieinhalb Stunden erlebt zu haben.

MO
“Eines langen Tages Reise in die Nacht” - Residenztheater München

Sylvia? Wer ist Sylvia?

Saturday, July 9th, 2005

Kann man heutzutage noch die perfekte Ehe führen? Martin und Stevie Gray in Edward Albees neustem Stück tun dies. (Nein, Edward Albee ist noch am Leben, dachte auch dass er tot ist, wie es auch alle anderen getan haben, sogar der Dramaturg dachte das). Sie: eine hochkarätige, gutaussehende Frau; er: ein preisgekrönter Stararchitekt. Scheinbar scheint nichts ihr Glück trüben zu können - bis auf Sylvia. Mit Sylvia, so vertraut Martin Gray seinem besten Freund Ross an, hat er seit einem halben Jahr eine Affäre. Nichts außergewöhnliches, denkt der Zuschauer, wäre Sylvia in Wirklichkeit nicht eine Ziege.

Das Stück besticht von Anfang an durch seine Schauspieler. Man wird in deren Bann gezogen wie ein kleines Kind vom Sandmännchen. Als ob man in einer Zeitblase sitzt, schwebt das ganze Drama um das amouröse Verhältnis mit viel Witz und Absurdität, aber auch teilweise Befremden (an Stellen, an denen das physische Verhältnis zu Sylvia genau beschrieben wird), an einem vorüber und man wundert sich am Ende der Aufführung, wo die Zeit geblieben ist. Es ist eine Mischung aus Lachen und Ekel, mit dem man am Ende der Vorstellung das Volkstheater verlässt, und die offene Frage: “Was bewegt einen 75-jährigen Mann, so ein Stück zu schreiben?”

Sylvia
Foto: Mathias Baus